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Russische Velaro-Züge werden vorausschauend gewartet

Düsseldorf, 01.11.2010 (BA/FW)
Friedhelm WeidelichReaktive Wartung ist von gestern, proaktiver Service und vorausschauende Wartung sind heute angesagt und sorgen für eine hervorragende Verfügbarkeit der Züge. Das war die Botschaft, die Siemens auf einer Reise zur Wartungswerkstatt des „Sapsan“ (Wanderfalke) in St. Petersburg vermitteln wollte. Seit Dezember 2009 verkehren acht zehnteilige Siemens-Züge des Typs Velaro RUS mit bis zu 250 km/h zwischen Moskau und St. Petersburg (650 km) und bedienen seit Ende Juli 2010 auch einzelne Verbindungen von St. Petersburg über Moskau nach Nischni Nowgorod (460 km). Siemens trägt für diese in Krefeld gebauten Züge der Russischen Eisenbahn RŽD, die für Temperaturen von – 50° C bis + 40° C gebaut sind, 30 Jahre lang die volle Verantwortung. Der Wartungsvertrag sieht eine Verfügbarkeit der Hochgeschwindigkeitszüge von 98 % vor. „Realität sind heute schon 99 %“, berichtete Johannes Emmelheinz, Chef des Bereichs Integrated Services bei Siemens Mobility, bei einer nächtlichen Besichtigung des Instandhaltungswerks Metallostroy südöstlich von St. Petersburg.

Friedhelm Weidelich„Es gibt keine Ersatzzüge mehr, die Züge müssen jeden Morgen raus“, betonte Emmelheinz. Damit kein Zug ausfällt, setzt Siemens auf eine regelmäßige Funkübertragung von Diagnosedaten aus den Zügen in die eigene Diagnosedatenbank auf dem Diagnoseserver, wie Johann Kogler, verantwortlich für die Service Innovation, erklärte. Das sind zum Beispiel die Daten von zwei Dutzend Sensoren an den Drehgestellen, die genaue Auskunft über den Betriebszustand geben. Aber auch Störmeldungen und so harmlose Informationen wie der Strombedarf beim Öffnen und Schließen der Türen werden laufend erfasst und übermittelt. Denn wenn der Strom gewisse festgelegte Erfahrungswerte übersteigt, kündigt sich ein Defekt an, der in der Werkstatt schon untersucht und beseitigt wird, bevor eine Tür ihren Dienst versagen kann und den Zug betriebsunfähig macht. Durch Trendanalysen sowie die Auswertung und Verknüpfung von Daten (das sogenannte Data Mining) werden Fehlerquellen früh erkannt und Wartungsarbeiten mit dem Computerized Maintenance Management System (CMMS) geplant, durchgeführt und überwacht.

Die Diagnosesysteme im blitzblanken Instandhaltungswerk Metallostroy kontrollieren unter anderem den Zustand der Radsätze und sind mit Instandhaltungswerkzeugen verbunden. Dazu gehören Calipri Wheel, ein russisches Verschleißprüfungssystem, das kontaktlose Radsatzvermessungssystem Hegenscheidt Argus und eine Unterflurdrehbank des selben Herstellers.

RŽD und Siemens arbeiten bei dem Charter Rail genannten Konzept bei der Wartung und Materialhaltung eng zusammen. So werden die Züge von RŽD gewaschen, gereinigt und mit Vorräten versorgt. In der Werkstatt arbeiten russische und deutsche Mitarbeiter im Schichtbetrieb rund um die Uhr, sagte Brigitte Baumann, Projektleiterin der Instandhaltung Velaro RUS. Radsatzwechseleinrichtungen sind auf jedem der drei rund 300 m langen Wartungsgleise eingebaut. Ultraschallanlagen, Radsatzpresse, Informations- und Lagertechnik stammen aus Deutschland. Drehgestelle können über Drehgestellsenken binnen drei bis vier Stunden gewechselt werden. Ein Depot-Kontrollsystem gibt klare Arbeitsaufträge an die Mitarbeiter und sorgt für ihre Sicherheit. Verschiedene Mechanismen verhindern, dass sich ein Zug bewegt, solange Mitarbeiter in der Untersuchungsgrube sind. Mobile 3 kV-Spannungsversorgungen erlauben Arbeiten auch ohne Oberleitungen. Erledigte Arbeiten werden an Terminals und über PDA an das CMMS übermittelt.

Ein RŽD-Mitarbeiter zeigte sich sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Siemens und der über 99-prozentigen Einhaltung des Fahrplans. 99,4 % der Züge hätten das Ziel jeweils erreicht. Auch bei der vier-dreiviertelstündigen Fahrt von Moskau mit vier Halten bis St. Petersburg war der Zug trotz Baustellen und Geschwindigkeiten zwischen 80 und 242 km/h auf die Minute pünktlich. Der Sapsan ist sehr populär und von Anfang an zu 85 % ausgelastet. Im November 2010 wird er bereits 1,5 Millionen Fahrgäste befördert haben. Der Sapsan befördert bereits 48 % aller Reisenden zwischen der heutigen und der früheren russischen Hauptstadt, der Flugverkehr nur 23 %.
Ein Bericht von Friedhelm Weidelich

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